Das ist doch einmal eine berechtigte Frage. Sollten Hundetrainer nicht die „perfekten“ Hunde haben? Immer gehorsam, kein Jagdtrieb, an der Leine totale Engel und auch gegenüber fremden Menschen immer das perfekte Auftreten…
Die Realität sieht aber anders aus – und das ist auch gut so.
Die meisten Trainer mit denen ich mich unterhalten habe, spiegeln mir das auch wider. Die Hunde werden den eigenen Bedürfnissen und Gegebenheiten nach trainiert.
So auch meine beiden Akitas. Meine Dame – eine Rettung mit neun Monaten – war total außer Rand und Band. Sie war ein Beißhund, hat alles auseinandergenommen was ihr vor die Schnauze gekommen ist, hat Kinder auf Laufrädern gejagt und ist sogar an der Leine in ein fahrendes Auto gesprungen.
Die Sozialisierung und das Training hat ein wenig gedauert und ich konnte sie dann – rasseuntypisch – auch mit auf die Hundewiese nehmen und sie hat mit allen Hunden gespielt. Ärger gab es kaum – und wenn, dann konnte ich sie problemlos abrufen. Mein perfekter Hund 😉
Trotzdem ist sie an der Leine ab und an am Pöbeln – meistens dann, wenn ich ihr den Freiraum nicht gönne sich frei zu bewegen um das Gegenüber inspizieren zu dürfen.
Seit fast einem Jahr ist nun ein Akita-Rüde zu uns in den Haushalt gezogen. Ein liebenswerter Akita, der bei uns erst so richtig ein Zuhause gefunden hat. Er hat eine sehr bewegte Vergangenheit hinter sich. Von einem Vermehrer aus Ungarn in den Tierschutz gekommen, musste er sich in Ungarn durch mehrere Organisationen kämpfen, bis er den Weg nach Deutschland in die Auffangstation Nothilfe Polarhunde Nord in Wulfstorf (ca. 3 Stunden Autofahrt von Papenburg aus) gefunden hat. Hier hat er sich als super sozial und total lieb anderen Hunden gegenüber gezeigt.
Dazu gibt es auch einen total schönen Bericht (unser Akim ist ein Fernsehstar) –> Akim im Fernsehen
Dieses erlernte und eher devot unterwürfige Verhalten war eine erlernte Schutzreaktion und hat ihn über die Jahre wahrscheinlich vor dem einen oder anderen Schaden bewahrt.
Hier – nachdem er die Sicherheit von uns als Halter und auch von Akira als Partnerin erfahren hat – zeigt sich auch ein deutlich anderes Bild von einem Akita-Rüden. Er ist immer noch ein Traum von einem Hund. Aber wehe, jemand kommt „seinem Mädchen“ zu nahe oder meint, aufmüpfig zu werden. Da lässt er jetzt auch mal den Alpha-Akita raushängen. Hier bin ich laufend im Training – da es uns wichtig ist, dass wir mit den Hunden im Sommer an den Strand oder in eine Bar können, ohne dass es Stress mit anderen Hunden gibt.
Und so wird das Training den eigenen Bedürfnissen angepasst, ohne dass der Hund oder die Hunde nur als gehorsame Mitläufer trainiert werden. Die individuellen Bedürfnisse und rassespezifischen Eigenschaften gehören zu den Hunden und sollten bei der Anschaffung und auch im Training berücksichtigt werden.
Für mich sind meine beiden perfekt so wie sie sind.
Daher zeigt sich am Ende immer wieder:
Kein Hund ist perfekt – und kein Mensch ist es auch. Jeder bringt seine eigene Geschichte, seine Erfahrungen, seine Unsicherheiten und seine Stärken mit. Genau deshalb ist Hundetraining niemals ein starres Schema, sondern immer ein individueller Weg, den Mensch und Hund gemeinsam gehen. Ob Problemverhalten, rassespezifische Eigenschaften, schwierige Vorgeschichten oder einfach nur unterschiedliche Bedürfnisse: Entscheidend ist nicht, wie „perfekt“ ein Hund nach außen wirkt, sondern wie gut das Team zusammenwächst.
Ein Hundepsychologe hilft dabei, die Ursachen hinter dem Verhalten zu verstehen, statt nur an den Symptomen zu arbeiten. Und ein realistischer Blick darauf, was Mensch und Hund wirklich brauchen, schafft langfristig viel mehr als jede Erwartung an ein makelloses Bild.
Für mich zählt nicht Perfektion, sondern Beziehung. Und genau das macht jedes Mensch‑Hund‑Team einzigartig – mit all seinen Ecken, Kanten und wunderbaren Momenten.